Erwachsene Spiritualität

Erwachsene Spiritualität?
 
Ich glaube, es ist Zeit, dass wir in eine erwachsene Spiritualität hineinwachsen.
Wie macht man das am besten? Indem man beginnt, die richtigen Fragen zu stellen. Indem man hinterfragt, ob das, was einem gesagt wird, tatsächlich jemals gesagt wurde.
 
Und genau das gibt einem dann auch die Möglichkeit, Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen – und eine klarere Vorstellung davon zu bekommen, was Spiritualität eigentlich ist: nämlich im Grunde das Wirken vor der Realität, bevor die Dinge letztendlich ihre Form annehmen.
 
Viele Menschen verstehen ihren Glauben so, dass sie ihre Last an Jesus übergeben können und er ihnen dann mehr oder weniger ihre Probleme abnimmt. So habe ich Jesus jedoch nie verstanden. Vor allem deshalb nicht, weil er das nach meinem Wissen wörtlich nie gesagt hat.
 
Was er sagte, war:
«„Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch Ruhe geben. Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir … denn mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht.“»
 
Für mich klingt das nicht nach einer Aufforderung, Verantwortung abzugeben. Es klingt vielmehr nach dem Angebot von jemandem, der sich als Hafen, als Kraftquelle und als Orientierung anbietet. Einer, bei dem wir zur Ruhe kommen, um anschließend seinem Beispiel zu folgen – seine Haltung zu leben, seine Lehre zu verkörpern und dadurch selbst in der Welt zu wirken.
 
Genau in diesem Licht verstehe ich auch seine Worte:
«„Wer an mich glaubt, wird die Werke tun, die ich tue, und noch größere als diese wird er tun.“»
Das ist für mich kein Glaube, der darauf beruht, etwas an Jesus abzugeben. Es ist ein Glaube, der den Menschen aufrichtet, ihn in seine eigene Verantwortung führt und ihn dazu einlädt, selbst zum Ausdruck dessen zu werden, was Jesus vorgelebt hat.
 
Der spirituelle Christus ist für mich der innere Christus. Er ist das, was Jesus hinterlassen hat: jener Same, den er in die Erde gepflanzt hat, damit der Mensch versteht, was Nächstenliebe bedeutet – und wie er durch die Kraft der Vergebung lernt, sich selbst zu befreien.
Der innere Christus ist der Funke des göttlichen Seins, der uns alle in Gott verbindet.
Er bietet uns die Chance zu einer Freundschaft mit Jesus, indem wir uns immer wieder mit ihm verbinden – letztlich aber vor allem mit der Quelle der christallinen Kraft der Liebe.
 
Und deshalb, glaube ich, ist es für jeden Menschen, der sich christlich orientiert, so wichtig, alles zu hinterfragen und alles zu überprüfen. Denn mit Absicht, aber auch ohne Absicht, wurde vieles verdreht, verändert und manipuliert. Menschen haben über Jahrtausende und Jahrhunderte ihre Macht darauf gegründet – und andere Menschen damit klein gehalten.
Man kann kaum von der Hand weisen, dass die katholische Kirche vieles gelehrt und gelebt hat, was dem Geist Jesu widerspricht. Und es ist mir immer wieder ein Rätsel, wie schwer es uns über die Jahrhunderte gefallen sein muss, das zu sehen. Wie konnte man das übersehen?
 
Es ist doch so offensichtlich, dass Jesus nichts mit Prunk, nichts mit Hurerei, Korruption, Machtbesessenheit und Angst zu tun hatte. All das ist aber in seinem Namen geschehen.
Und genau deshalb müssen wir überprüfen, was die Jahrhunderte angerichtet haben, um wieder zur Essenz zu kommen – zum Kern seiner Lehre.
 
Interessanterweise bestätigen heute sogar Teile der Psychologie und der Neurowissenschaften, dass Vergebung weit mehr ist als ein moralisches Ideal. Sie kann den Menschen von Stress, Groll und inneren Belastungen befreien und dadurch seine Wahrnehmung, sein Denken und sein Handeln nachhaltig verändern.
Auch die Forschung zu Mitgefühl und Meditation zeigt, dass sich unser Bewusstsein durch bewusste innere Praxis verändern kann. Liebe, Mitgefühl und Vergebung sind demnach nicht nur spirituelle Begriffe, sondern Kräfte, die unser Erleben und unser Verhalten tatsächlich prägen.
 
Was für eine wundervolle Wesenheit Jesus doch gewesen sein muss, dass sich viele der Dinge, die er uns bereits vor rund zweitausend Jahren gelehrt hat, heute durch die Forschung bestätigt sehen und nachweislich zu unserem Wohlbefinden und zu einem gelingenden Leben beitragen.
 
Der tiefere Sinn seiner Nachfolge wäre dann sicher nicht, darauf zu warten, dass jemand unser Leben für uns verändert, sondern selbst – in Verbindung mit seiner Kraft und der in uns aktivierten Christusenergie – unser Leben zu meistern und positiv zu gestalten.
 
 
 
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