Diese Frage möchte ich gerne stellen, wenn ich im Netz wieder einmal Videos mit vollmundig vorgetragenen Aussagen und Informationen der Galaktischen Föderation oder eben der Plejaden finde. Da werden Halbwahrheiten, gefühlte Meinungen und Wissenschaftssalat zu einem Faktotum gemacht, ohne dass je der Erkenntnisweg erklärt, ein belegter Fakt oder irgendetwas Handfestes beigefügt wird.
Im Grunde lautet die Botschaft nur:
Menschen, vertraut mir. Ich habe eine Standleitung nach Alpha Centauri.
Was dabei nie berücksichtigt wird: Das eine ist die innere Erfahrung. Menschen können intensive Erfahrungen machen: das Gefühl einer Gegenwart, innere Bilder, eine Stimme, plötzliche Einsichten, tiefe Gewissheit. Solche Erfahrungen gibt es seit Jahrtausenden – in der christlichen Mystik, im Sufismus, im Buddhismus, im Schamanismus und in vielen anderen Traditionen. Dass Menschen so etwas erleben, ist weder ungewöhnlich noch automatisch krankhaft.
Wenn jemand sagt: „Ich hatte eine tiefe innere Erfahrung“, dann ist das erst einmal seine Erfahrung. Wenn jemand sagt: „Das waren definitiv die Plejader. Sie stehen gerade hinter mir und geben mir Informationen über die Galaktische Föderation“, dann ist das eine sehr weitreichende Tatsachenbehauptung. Dafür gibt es bislang keine objektiv überprüfbaren Belege.
Ich finde interessant, dass die großen Mystiker oft erstaunlich vorsichtig waren. Menschen wie Johannes vom Kreuz oder Teresa von Ávila warnten sogar davor, Visionen vorschnell für objektive Wirklichkeit zu halten. Sie wussten, wie leicht sich Fantasie, Wunsch, Symbol und echte spirituelle Erfahrung vermischen können. Was viele dieser Menschen noch hatten, war Demut.
Was mich bei manchen heutigen Channelings skeptisch macht, ist die Selbstverständlichkeit, mit der dort komplexe kosmische Systeme präsentiert werden: Galaktische Föderationen, Plejader, Arkturianer, der Rat der Neun, Aufstiegsstufen, genaue Informationen über das Universum – und alles wird erzählt, als säße man mit ihnen beim Kaffee.
Schaut man später einmal nach, wie viele dieser Prophezeiungen wirklich eingetroffen sind, bleibt häufig wenig davon übrig. Ich meine: Was ist so schwer an einem Satz wie: „So erscheint es mir“ oder „Ich erlebe es innerlich so“? Das wäre für mich viel glaubwürdiger als: „So ist es.“
Diese Unterscheidung schützt einen davor, aus subjektiven Erfahrungen objektive Weltmodelle zu bauen. Und sie würde Spiritualität auch nicht so leichtfertig der Lächerlichkeit preisgeben.
Warum faszinieren konkrete Daten wie der 26.06. oder sogenannte Portaltage so sehr? Weil sie das Gefühl vermitteln, dass bald etwas Großes geschieht und das Warten einen Sinn hat. Warum werden immer neue kosmische Wesen eingeführt? Weil sie Autorität verleihen. „Die Plejader sagen …“ wirkt auf viele überzeugender als: „Ich habe den Eindruck …“
Warum verschwinden falsche Vorhersagen oft folgenlos? Weil anschließend eine neue Deutung gefunden wird: Die Energie habe sich unsichtbar verändert oder der Zeitpunkt sei missverstanden worden. Das sind Muster, die man nicht nur in der Esoterik findet. Ähnliche Dynamiken gibt es in Sekten, politischen Bewegungen oder Verschwörungserzählungen. Der Mensch sucht nach Gewissheit und nach einer Geschichte, die die Welt erklärt.
Aber eine spirituelle Erfahrung macht einen Menschen nicht automatisch zu einer verlässlichen Quelle über die Struktur des Universums. Je größer eine spirituelle Behauptung ist, desto größer sollte auch unsere Demut sein, sie auszusprechen.
Denn wahre Spiritualität muss keine ständig neuen kosmischen Sensationen produzieren. Sie zeigt sich eher darin, wie ein Mensch lebt: in Liebe, Wahrhaftigkeit, Mitgefühl, Klarheit und Verantwortung.
Denn sobald jemand über interstellare Zivilisationen, Energietore, kosmische Räte und exakte Zukunftsdaten spricht, als würde er das Wetter für morgen vorlesen, verlässt er den Bereich der persönlichen Erfahrung und betritt den Bereich der Tatsachenbehauptungen. Und genau dort dürfen – ja müssen – Fragen gestellt werden.
Aber dabei bleibt es ja noch nicht. Dann wird weiter mit Zahlen, Wissenschaft und Behauptungen geschossen, als gäbe es kein Morgen mehr. Die Schumann-Resonanz sei von 7 Hertz – in Wahrheit eher 7,8 Hertz – auf 24 gestiegen.
Wie bitte? Cool! Aber woher wissen die das? Das wird nie erklärt. Man hat es so gehört.
Wenn die Erde tatsächlich ihre Grundfrequenz innerhalb weniger Jahre von etwa 7 auf 24 Hertz verändert hätte, wäre das eine gigantische physikalische Entdeckung. Tausende Geophysiker, Atmosphärenforscher und Funktechniker weltweit würden das messen und publizieren. Das wäre keine Randnotiz auf YouTube.
Die Grundmode dieser Resonanz liegt bei etwa 7,8 Hertz. Das ist seit Jahrzehnten gut untersucht. Es gibt zwar Schwankungen in der Stärke der Resonanz, und es existieren mehrere Resonanzmoden – etwa bei 14, 20 und 26 Hertz. Das bedeutet jedoch keineswegs, dass die „Schwingung der Erde“ von 7 auf 24 Hertz angestiegen wäre.
Spirituelle Sprache verliert ihre Glaubwürdigkeit, wenn Metaphern als Messwerte ausgegeben werden. „Liebe schwingt höher als Angst“ ist eine spirituelle Metapher oder ein Modell. „Die Erde hat jetzt 24 Hertz“ ist eine überprüfbare naturwissenschaftliche Behauptung. Und für diese Behauptung braucht es belastbare Belege. Ohne sie bleibt sie genau das: eine Behauptung.
Aber egal. Weiter geht der Ritt durch das plejadische Absurdistan.
Die Bovis-Einheiten seien von etwa 7.000 auf über 300.000 gestiegen!
Die sogenannte Bovis-Skala geht auf den französischen Radiästhesie-Kontext zurück und wird verwendet, um eine angebliche „Lebensenergie“ oder „Schwingung“ von Menschen, Orten oder Gegenständen zu beziffern. Der entscheidende Punkt ist: Es gibt keine anerkannte physikalische Einheit namens Bovis. Es gibt kein Messgerät, das Bovis-Einheiten objektiv misst. Es gibt keinen wissenschaftlichen Nachweis, dass Bovis-Werte eine messbare Naturgröße darstellen.
Deshalb wäre die Aussage: „Die Bovis-Einheiten des Lichts haben sich verstärkt“ keine naturwissenschaftliche Aussage, sondern eine Behauptung innerhalb eines bestimmten esoterischen Deutungsmodells.
Und genau hier zeigt sich wieder das Muster, das mich stört: Es klingt technisch und präzise – als würde jemand über Volt, Hertz oder Lux sprechen –, obwohl die Begriffe diese wissenschaftliche Bedeutung gar nicht haben. Es entsteht der Eindruck objektiver Tatsachen, obwohl häufig weder der Erkenntnisweg noch belastbare Nachweise offengelegt werden.
Und der Interviewer sitzt da, grinst und nickt alles ab. Keine Nachfrage:
„Wie wurden diese Bovis-Einheiten gemessen?“
„Wer hat sie gemessen?“
„Kann jemand anderes mit derselben Methode zum gleichen Ergebnis kommen?“
Das sind völlig faire Fragen. Wer eine objektive Veränderung der Welt behauptet, sollte auch erklären können, wie diese Aussage zustande kommt.
Auffällig ist, dass solche Zahlen oft immer größer werden: 7.000, dann 10.000, dann 50.000, dann 300.000, später Millionen. Das erzeugt den Eindruck einer dramatischen spirituellen Entwicklung, ohne dass klar wird, worauf diese Zahlen überhaupt beruhen.
Man darf spirituell offen sein und trotzdem an einer einfachen Regel festhalten:
Je präziser eine Behauptung, desto nachvollziehbarer sollte ihre Grundlage sein.
Das gilt für Physik genauso wie für Spiritualität.
Wie man bemerkt, ist das für mich ein Triggerpunkt. Spiritualität ist für mich etwas Heiliges. Ich glaube, dass viele Menschen da draußen solchen Aussagen auf den Leim gehen. Manchmal habe ich auch das Gefühl, diese Menschen würden von Täuschern instrumentalisiert, ohne es selbst zu wissen.
Diese Energien finden Zugang über Geltungsdrang, der letztlich aus unverarbeiteten Themen der Kindheit entsteht, über Angst den Menschen öffnet und ihn lenkt. Aber das ist nur ein Gefühl.
Ich weiß nicht, was diese Menschen immer wieder antreibt, derart leichtfertig Meinungen als Fakten darzustellen. Offensichtlich sind sie sich über den Schaden, den sie damit anrichten, in keiner Weise bewusst.
Auf mich wirken sie wie ein verdrehter Goethe:
Sie sind ein Teil von jener Kraft, die stets das Gute will und stets das Böse schafft.
Also bitte:
Überprüft. Fragt nach. Bleibt skeptisch.
Nicht alles, was scheint, ist ein Licht.
